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8. Abbildende und konkrete
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Abschließend etwas zur modernen Skulptur, der sog. konkreten Plastik. (Ich referiere hier weitgehend Max Imdahl mit seinem Aufsatz "Konkrete Plastik" in seinem Buch Kunst der Moderne, S. 312-315.) Inbegriff der Skulptur war Jahrhunderte lang die Statue, also Darstellungen von Menschen bzw. lebenden Gestalten. Das muss aber nicht unbedingt so sein. Es folgt nicht aus der kategorialen Bestimmung der Skulptur, die man so definieren kann: Skulptur stellt Dreidimensionales durch Dreidimensionales dar, also durch selbst etwas real Körperliches - im Unterschied zur irrealen Imagination in Falle der Malerei. Warum also Darstellung von Menschen, lebenden Gestalten? Weil die Darstellung sie dem Tod, dem Vergehen oder Verschwinden entzieht - durch das Material und das Vorzeigen im öffentlichen Raum. Klassische Skulpturen waren bzw. sind aus Stein, Eisen, Bronze, Holz und Ton - relativ beständigen Materialien gegenüber dem, woraus die Lebewesen sind. Sie eigneten sich dafür, den vergänglichen, transitorischen dreidimensionalen Objekten, wie dem sterblichen Körper, einen haltbaren, weniger vergänglichen, Ewigkeit suggerierenden und gleichermaßen real und durch Größe umso aufdringlicher präsenten Doppelgänger zu verschaffen. Die Plastik hebt sich durch ihre "Durchhaltepräsenz" im Umraum mit seinen veränderlichen, transitorischen und kontingenten Gegenständen und Konstellationen denkmalhaft ab. So ist Plastik grundsätzlich öffentlich. Sie tritt in Relation zur realen Umwelt, in der sie denselben Raum einnimmt wie der Betrachter - ganz anders als der Imaginationsraum raumimaginierender Bilder, die Dreidimensionales lediglich auf Flächen projizieren, auf Flächen dreidimensionaler Gegenstände: Wände z.B., oder Hautflächen, oder Textilflächen wie Leinwände. Jedenfalls Oberflächen von Objekten. Zu Flächen, schreibt Imdahl, kann man sich nur distanziert, nicht kooperativ verhalten wie zur Plastik. Diese ist körperlich wie ich. Ist immer auch das, was sie darstellt, obzwar meist in einem anderen Material (also Bronze statt Knochen, Fleisch und Haut). Könnte man sich dann nicht auf die Kooperation beschränken, auf die von meinem Körper (also dem des Betrachters) und vom Körper der Skulptur? Warum sollte die Skulptur denn überhaupt etwas abbilden? Warum soll sie so aussehen wie etwas anderes, also z.B. ein Marmorstein oder ein Stück Bronze wie Michael Jackson? Kann sie sich nicht auf die reine Präsenz eines konkreten Objekts beschränken, kann sie nicht etwas in den Raum stellen, was einfach das ist, was es ist: Stein, Bronze, irgendwie geformtes Material? Das wäre die konkrete Skulptur. Sie wurde geboren, als die Bildhauer aufhörten, immer nur allgemein bekannte oder heroische Gestalten, idealtypische bzw. schöne Körper nachzubilden, und begannen, "abstrakte Ideen und innere Visionen" (so heißt es bei Margit Rowell) in eine konkrete Form zu bringen. Aber warum noch innere Visionen, z.B. im Falle von Beuys Aktion "4000 Eichen" zur Documenta 4, 1982 in Kassel die Vision "blühende Landschaften" oder "grüne Umwelt"? Diese Vision wird ja dann auch wieder in gewisser Weise abgebildet. Warum nicht ein Objekt, welches genau nur das ist, was es ist: Ein Stück Holz, ein Stein, ein Haufen Holz, ein Haufen Steine: Objekte, die genau auch das Bedeuten, was sie sind: Hölzer, Steine. Warum dann nicht auch ungeformte Materialien wie Wasser, Luft und Staub? Warum nicht vergängliche, zerfallende, sich verändernde Materialien? - Alles das gibt es inzwischen als konkrete Plastik. Dann gilt, wie ich es eingangs schon hab anklingen lassen (in Nr. 1 Skulptur und Malerei): Alles ist Skulptur. Die Abgrenzung von Kunstobjekt und Umgebung, seine Ausgrenzung, damit auch seine besondere Bedeutung entfallen. Was bleibt, ist der Betrachter, der auf bestimmte Wahrnehmungen reagieren, durch sie auf bestimmte Gedanken kommen und sich in bestimmte Stimmungen bringen lassen kann. Der Vorteil: Das Verhältnis zum Artefakt ist nicht mehr fiktiv! Ich beziehe mich angesichts der Skulptur nicht mehr auf die imaginäre dort abgebildete Gottesmutter oder die mythische Aphrodite oder auf die Idee eines muskelstarken Kriegers, sondern nur noch auf die konkrete Gestalt selbst als eine irgendwie signifikante Materialanordnung. Die Skulptur wird in der konkreten Plastik also auf Verhaltensweisen des Beschauers umfunktioniert, die nur möglich sind, so schreibt Max Imdahl, "wenn eine Kontinuität des Raumes besteht, in dem sich das Objekt und der Rezipient gleichermaßen befinden. Die Identität des Artefakts mit seiner eigenen Dreidimensionalität kann die Bedingung dafür sein, den Beschauer in ein Verhältnis zum Artefakt zu setzen, das sui generis nicht fiktiv ist." Aber warum sollte die Skulptur sich durch die Beschränkung auf die Interaktion von Betrachter und Wahrnehmungsobjekt der Gefahr ihres Verschwindens als besondere Kunstform aussetzen? Warum bleibt sie nicht beim Abbilden, warum wird sie zur konkreten Plastik? - Warum? Sie flüchtet vor den Inhalten, vor den Idealen und Werten, dem Menschenbild, weil diese nicht mehr evident und wahrhaftig sind, weil es sie eigentlich gar nicht mehr gibt. "In der traditionellen Kunst formulierte die Plastik das Vorgegebene zur Prägnanz", schreibt Max Imdahl. "Das heißt, sie erhob etwas zur Gewissheit und exponierte paradigmatisch, was man schon wußte (z.B. der König ist ein guter Mann, er wohnet in Berlin', ergo: Reiterstandbilder in allen Städten Preußens!). Sie bewegte sich innerhalb vordefinierter, geregelter Voreinstellungen und wirkte prägnant evident mit Bezug auf diese. Die konkrete Plastik hat eine sehr viel schwierigere Aufgabe: dieselbe Prägnanz und Evidenz wie auch Verbindlichkeit und paradigmatischen Charakter zu erzeugen mit Inhalten, die unvorgewusst sind. Das bisher nicht Erkannte wird wiedererkannt." Oder anders gesagt: "Etwas sonst Unvordenkliches und an die sinnliche Erfahrung Gebundenes erhält eine Evidenz, die als Reflexionshorizont auf anderes übertragen werden kann. Die Plastik in der traditionellen Kunst affirmiert Ideologien, die in anderer Weise bereits vorgewusst sind. Das entfällt in der konkreten Plastik völlig. Darin steckt das Risiko und auch die Einsamkeit und Isolationsgefahr solcher Kunstwerke, weil sie innovativ sind in dem Sinne, dass sie etwas bereits Vorgegebenes, aber noch nicht Vorgewusstes erwecken. Ohne Ideologie auskommen zu müssen heißt, ohne vorgegebene Kontexte auskommen zu müssen, für die das gegebene Werk repräsentativ ist. Die konkrete Skulptur schafft sich den Kommunikationskontext, in dem sie agiert, selbst. Damit ist aber nicht gesagt, dass es keiner wäre. Was will der Künstler machen, wenn es keine Inhalte mehr gibt? Er kann diese Tatsache ironisieren wie Duchamp, oder er kann versuchen, die Öffnung auf quasi unideologische Inhalte zu schaffen, d.h. paradigmatische Erfahrungsmöglichkeiten zu eröffnen, gewissermaßen aus dem Nichts heraus Informationen mit Metaphysiktönung zu schaffen." Soweit der Philosoph und Kunstwissenschaftler Max Imdahl. In der konkreten Skulptur wie auch in der konkreten, aber abstrakt genannten Malerei wirken räumliche Gebilde und wirken Flächen aus sich selbst heraus - als Wahrnehmungsobjekte. Es sind dann ästhetische Gebilde. Der Betrachter begegnet den in ihnen dort gewissermaßen inkarnierten Gefühlwerten oder Atmosphären. Wenn er sie denn dort findet. Damit bin ich am Ende. Ich möchte noch zwei Abbildungen nachschicken von zwei eigenen Skulpturen. Es sind allerdings keine konkreten Plastiken. Sie gehören zur Ausstattung meines Gartens, gewissermaßen eines Gefühlsraums. Ich finde mich da in freundlicher Gesellschaft mit dem Geist von Max Ernst, der es auch nicht bis zur konkreten Plastik gebracht hat. Seine Garten-Skulptur Capricorn' mag ein Beispiel dafür sein, wie wenig weit der Weg ist von der Venus von Willendorf bis zu Dadamax. Damals wie heute gilt nämlich, was Dadamax sagt: "Skulpturen macht man mit einer Umarmung, beidhändig wie die Liebe."
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